Elternrolle

Zwischen Verantwortung und Selbstfürsorge – warum viele Eltern sich selbst verlieren

Wer bin ich eigentlich noch, außer Mutter oder Vater? Diese Frage stellt sich bei vielen Eltern leise und verbunden mit Schuld. Dabei ist Selbstfürsorge kein Gegensatz zur Verantwortung – sondern Teil davon.

Lesezeit ca. 8 Minuten Thomas Grupp · Systemisches Coaching

Irgendwann stellt sich bei vielen Eltern eine leise, fast verbotene Frage ein: Wer bin ich eigentlich noch, außer Mutter oder Vater? Nicht aus Undankbarkeit – die Liebe zum Kind steht außer Frage. Sondern weil die Elternrolle so viel Raum einnimmt, dass die Person dahinter mit der Zeit kleiner und leiser geworden ist.

Das Unangenehme an dieser Frage ist das schlechte Gewissen, das sie begleitet. Eigene Bedürfnisse zu haben, fühlt sich an wie ein Verrat an einer Aufgabe, die eigentlich vollständige Hingabe zu verlangen scheint. Genau dieses Schuldgefühl hält viele davon ab, die Frage überhaupt zuzulassen.

Wenn die Elternrolle die ganze Identität überlagert

Elternschaft verändert das Selbstbild grundlegend, und das ist richtig so. Schwierig wird es, wenn die Rolle nicht ein Teil der Identität bleibt, sondern sie ganz überlagert – wenn alle anderen Anteile, die einen Menschen ausmachen, im Alltag keinen Platz mehr finden. Interessen, Freundschaften, berufliche Vorstellungen, die eigene Paarbeziehung: Sie schrumpfen oft nicht durch eine Entscheidung, sondern durch das schiere Pensum. Eines Tages merkt man, dass von dem Menschen, der man neben der Elternrolle war, wenig übrig ist.

Eigene Bedürfnisse zu haben, ist kein Verrat an der Elternrolle. Es ist die Voraussetzung dafür, sie über Jahre tragen zu können.

Woher die Schuldgefühle kommen

Das schlechte Gewissen bei eigenen Bedürfnissen ist selten persönlich gewählt. Es speist sich aus Bildern davon, wie ein guter Elternteil zu sein hat – aufopfernd, immer verfügbar, das eigene Wohl selbstverständlich hintanstellend. Diese Bilder sind kulturell tief verankert und werden selten hinterfragt. Sie erzeugen einen Maßstab, an dem man zwangsläufig scheitert, weil er Selbstaufgabe mit guter Elternschaft verwechselt. Wer diesen Maßstab verinnerlicht hat, erlebt jede Stunde für sich selbst als etwas, das man dem Kind wegnimmt.

Warum Selbstfürsorge kein Gegensatz zur Verantwortung ist

Die verbreitete Vorstellung, Selbstfürsorge und Verantwortung stünden im Widerspruch, ist genauer betrachtet falsch. Ein Elternteil, das sich vollständig aufgibt, ist auf Dauer nicht verfügbarer, sondern erschöpfter, gereizter, abwesender. Kinder spüren das. Was sie brauchen, ist kein perfekt funktionierender, ausgehöhlter Elternteil, sondern ein lebendiges Gegenüber. Selbstfürsorge ist insofern kein Luxus neben der Verantwortung, sondern Teil davon. Diese Einsicht ändert allerdings wenig, solange die reale Dauerbelastung keinen Raum dafür lässt.

Den eigenen Anteil zurückgewinnen

Es geht nicht darum, weniger Elternteil zu sein, sondern darum, nicht nur Elternteil zu sein. Das beginnt oft mit kleinen, fast unbedeutend wirkenden Schritten: einer Tätigkeit, die einem allein gehört; einer Beziehung, die nicht um die Kinder kreist; einem Bedürfnis, das man äußert, ohne sich dafür zu rechtfertigen. Diese Schritte sind weniger eine Frage der Zeit als der Erlaubnis – der inneren Erlaubnis, als Mensch neben der Rolle weiter zu existieren. Wer diese Erlaubnis verloren hat, kennt oft auch das Gefühl, sich über die Zeit selbst übergangen zu haben.

Ein Gegenüber kann helfen, die übernommenen Ansprüche von den eigenen zu unterscheiden und die Schuldgefühle zu verstehen, statt gegen sie anzukämpfen – damit Selbstfürsorge nicht als weitere Pflicht erlebt wird, sondern als das, was sie ist.

Eine fachliche Einordnung: Wenn die Belastung Krankheitswert erreicht – etwa bei anhaltender Erschöpfung, Überforderung oder Niedergeschlagenheit, die den Alltag oder die Beziehung zum Kind deutlich beeinträchtigen – ist eine ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung der richtige Weg. Systemisches Coaching unterstützt Eltern, die grundsätzlich handlungsfähig sind und ihre Situation besser verstehen, einordnen und gestalten möchten.

Häufige Fragen

Was Menschen dazu oft fragen

Ist es egoistisch, als Elternteil an die eigenen Bedürfnisse zu denken?

Nein. Ein Elternteil, das sich vollständig aufgibt, ist auf Dauer erschöpfter und weniger präsent, nicht verfügbarer. Eigene Bedürfnisse ernst zu nehmen ist kein Gegensatz zur Verantwortung, sondern die Voraussetzung dafür, sie über Jahre tragen zu können.

Warum habe ich ein schlechtes Gewissen, sobald ich Zeit für mich nehme?

Weil tief verankerte Bilder von guter Elternschaft Selbstaufgabe nahelegen – immer verfügbar, das eigene Wohl selbstverständlich hintan. Diese Maßstäbe sind selten bewusst gewählt. Sie zu erkennen ist der erste Schritt, das Schuldgefühl nicht mehr für die Wahrheit zu halten.

Kann Coaching helfen, auch wenn sich an der Belastung nichts ändern lässt?

Ja. Auch wenn das Pensum bleibt, lässt sich der Umgang damit verändern: überzogene Ansprüche von eigenen unterscheiden, Schuldgefühle verstehen und die wenigen Stellen finden, an denen die eigene Person wieder Platz bekommt. Oft verändert schon das viel.

Dieser Text gehört zur Themenwelt Elternschaft und Familie, in der weitere Beiträge zu diesem Bereich zusammenlaufen.

Ein nächster Schritt

Als Mensch neben der Elternrolle sichtbar bleiben

Wenn du dich in der Rolle zunehmend selbst verloren hast, kann ein klärendes Gespräch helfen, den eigenen Anteil zurückzugewinnen – ohne schlechtes Gewissen. Mehr dazu beim Coaching für Eltern oder im Überblick zum privaten Coaching.

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