Mittleres Management abschaffen?
Was flache Hierarchien wirklich verlagern
Im Organigramm sieht es überzeugend aus: eine Ebene weniger, kürzere Wege, schnellere Entscheidungen. KI übernimmt Statusberichte und Koordination. Doch mit einer Managementposition verschwinden nicht automatisch die Aufgaben, die an ihr hingen. Sie landen nur an einer anderen Stelle – häufig ohne klares Mandat.
Die Ebene verschwindet
Weniger Führungskräfte, größere Teams und direkte Kommunikation sollen Kosten senken und Entscheidungen beschleunigen.
Die Arbeit bleibt
Priorisierung, Übersetzung, Konfliktklärung, Feedback und Personalentwicklung müssen weiterhin stattfinden.
Wer übernimmt sie?
Die Antwort entscheidet, ob Delayering Verantwortung klärt oder nur Überlastung und Unklarheit neu verteilt.
Delayering beseitigt Positionen. Es beseitigt nicht die Funktionen, die diese Positionen erfüllt haben.
Die Diskussion über das mittlere Management hat sich verändert. Lange galt die Führungskraft in der Mitte als überlastete Übersetzerin zwischen Geschäftsführung und Team. Heute steht häufiger die Frage im Raum, ob diese Ebene überhaupt noch gebraucht wird. Flache Hierarchien, selbstorganisierte Teams und künstliche Intelligenz versprechen, einen Teil der Koordinationsarbeit überflüssig zu machen.
Kurz gesagt: Eine Organisation kann Managementebenen reduzieren. Sie muss anschließend aber neu bestimmen, wer Entscheidungen vorbereitet, Prioritäten übersetzt, Konflikte eskaliert, Mitarbeitende entwickelt und widersprüchliche Erwartungen bearbeitet. Geschieht das nicht, wird Hierarchie nicht abgeschafft. Sie wird informell.
Warum die Mitte gerade verschwindet
Der ökonomische Reiz ist leicht zu verstehen. Mittlere Managementpositionen verursachen Personalkosten, verlängern Berichtslinien und erzeugen zusätzliche Abstimmung. Werden Informationen ohnehin in Echtzeit erfasst, Statusberichte automatisch erstellt und Aufgaben digital koordiniert, wirkt eine Führungsebene schnell wie ein Relikt aus einer langsameren Arbeitswelt.
Gartner prognostizierte im Oktober 2024, dass bis 2026 rund 20 Prozent der Organisationen KI nutzen könnten, um ihre Strukturen abzuflachen und dabei mehr als die Hälfte bestehender mittlerer Managementpositionen zu beseitigen. Gartner beschreibt dabei ausdrücklich mögliche kurzfristige Kostenvorteile, warnt aber zugleich vor überlasteten verbleibenden Führungskräften, größeren Führungsspannen sowie beschädigten Entwicklungs- und Mentoringwegen.
Das ist eine Prognose, keine Bestandsaufnahme. Trotzdem beschreibt sie eine reale Logik: Je besser Technologie Informationen sortiert, Termine koordiniert und Leistung sichtbar macht, desto stärker gerät eine Ebene unter Rechtfertigungsdruck, deren Wert häufig genau mit diesen Tätigkeiten begründet wurde.
Was Unternehmen abschaffen wollen
Die Kritik am mittleren Management ist älter als die aktuelle KI-Debatte. Begriffe wie „Lehmschicht“ oder „Lähmschicht“ beschreiben eine Ebene, in der Informationen angeblich versickern, Entscheidungen verzögert und Veränderungsimpulse blockiert werden. Das Bild ist wirksam, weil es eine komplizierte Organisationsfrage in eine eindeutige Schuldzuweisung übersetzt: Oben ist die Strategie klar, unten wäre die Umsetzung möglich – nur die Mitte hält beides auf.
Diese Erzählung kann in einzelnen Organisationen zutreffen. Es gibt Managementpositionen ohne ausreichenden Entscheidungsspielraum, doppelte Berichtslinien und Führungskräfte, deren Arbeit fast vollständig aus Weiterleitung und Kontrolle besteht. Solche Strukturen verdienen eine kritische Prüfung.
Problematisch wird es, wenn aus einer Beobachtung über schlechte Organisationsgestaltung ein Urteil über eine ganze Führungsebene wird. Dann erscheint die Mitte selbst als Ursache für Reibung. Aus dem Blick gerät, dass sie häufig dort eingesetzt wird, wo die Organisation widersprüchliche Ziele, knappe Ressourcen oder ungeklärte Entscheidungsrechte produziert.
Manchmal blockiert die Mitte. Manchmal zeigt sich in ihr nur, was oben nicht entschieden und unten nicht gleichzeitig erfüllt werden kann.
Welche Funktionen trotzdem bleiben
Eine Managementposition besteht nicht nur aus Meetings, Freigaben und Reporting. In ihr bündeln sich Funktionen, die selten als eigene Arbeitspakete sichtbar werden.
Übersetzen
Strategische Vorgaben müssen in konkrete Prioritäten, Entscheidungen und zum Arbeitsalltag passende Sprache übersetzt werden. Umgekehrt müssen operative Grenzen so nach oben gelangen, dass sie entscheidungsfähig werden.
Priorisieren
Wenn mehrere Ziele gleichzeitig wichtig sind, entscheidet jemand, was zuerst geschieht, was warten muss und welcher Zielkonflikt offen benannt werden muss.
Puffern
Nicht jede neue Initiative darf ungefiltert im Team landen. Führung schützt Arbeitsfähigkeit, indem sie Anforderungen einordnet, bündelt, verhandelt oder zurückweist.
Rückkoppeln
Pläne verändern sich, wenn sie auf Realität treffen. Die Mitte macht sichtbar, was funktioniert, wo Widerstand entsteht und welche Annahme der Unternehmensleitung korrigiert werden muss.
Entwickeln
Feedback, Einarbeitung, Konfliktklärung und berufliche Entwicklung entstehen nicht automatisch dadurch, dass Mitarbeitende mehr Autonomie erhalten.
Verantworten
Teams können viele Entscheidungen selbst treffen. Trotzdem braucht es Klarheit darüber, wer bei konkurrierenden Interessen entscheidet und die Folgen gegenüber der Organisation trägt.
Die Studie „Das mittlere Management – Führung in Zeiten massiver Umbrüche“ von Matthias Fifka und Milena Störmer macht diese Spannung sichtbar. In der Befragung vom Juli 2022 mit 282 mittleren Führungskräften war die zunehmende Vielfalt und Komplexität der Aufgaben die größte Herausforderung. Die Umsetzung von Vorgaben der Unternehmensleitung bei gleichzeitiger Berücksichtigung von Mitarbeiterinteressen folgte an zweiter Stelle. 64 Prozent beklagten zu wenig Personal und Ressourcen. 55 Prozent gaben an, im beruflichen Kontext bereits gegen eigene moralische Vorstellungen gehandelt zu haben.
Das beweist nicht, dass jede mittlere Führungskraft unverzichtbar ist. Es zeigt aber, dass die Probleme dieser Ebene nicht auf überflüssige Berichterstattung reduziert werden können. Ein erheblicher Teil entsteht aus Zielkonflikten, knappen Ressourcen und Verantwortung ohne vollständige Entscheidungsmacht.
Gjerde und Alvesson beschreiben eine dieser unsichtbaren Funktionen mit der Metapher des „umbrella carrier“. In ihrer qualitativen Studie mit Führungskräften und Mitarbeitenden britischer Business Schools schützten mittlere Führungskräfte ihre Bereiche vor aus ihrer Sicht unnötigen oder schädlichen Impulsen von oben. Der begrenzte Untersuchungskontext erlaubt keine allgemeine Aussage über alle Unternehmen. Die Metapher zeigt aber präzise, welche Arbeit nach dem Entfernen einer Ebene nicht einfach verschwindet: Jemand muss weiterhin entscheiden, welcher Druck weitergegeben, übersetzt oder abgewehrt wird.
Was passiert, wenn die Ebene fehlt
Nach einem Delayering gibt es für die bisherige Arbeit der entfernten Ebene vier Möglichkeiten.
Die Aufgabe entfällt tatsächlich
Doppelte Freigaben, manuelle Statusberichte oder reine Weiterleitung können beendet oder automatisiert werden. Hier entsteht echte Vereinfachung.
Die Aufgabe wandert nach oben
Die verbleibende Führungskraft erhält mehr direkte Mitarbeitende und mehr operative Rückfragen. Ihre strategische Arbeit konkurriert nun stärker mit dem Tagesgeschäft.
Die Aufgabe wandert ins Team
Mitarbeitende übernehmen Koordination, Priorisierung oder Konfliktklärung. Das kann Autonomie erhöhen – sofern Zeit, Fähigkeiten und Entscheidungsrechte mitwandern.
Die Aufgabe wird informell
Einzelne übernehmen Führung, ohne offiziell Führungskraft zu sein. Einfluss entsteht über Erfahrung, Zugang zu Informationen oder Nähe zur Unternehmensleitung. Das Organigramm wird flacher, die tatsächlichen Machtverhältnisse werden unübersichtlicher.
Gerade die vierte Variante ist schwer zu erkennen. In Meetings wirkt das Team selbstorganisiert. Tatsächlich fragen alle vorab dieselbe erfahrene Person, warten auf ein Signal aus der Geschäftsführung oder vermeiden Entscheidungen, deren Folgen nicht abgesichert sind. Formale Hierarchie wurde reduziert, informelle Hierarchie aber verstärkt.
Die globale Workforce-2025-Befragung von Korn Ferry liefert dafür ein Warnsignal. Von mehr als 15.000 Befragten berichteten 41 Prozent, ihre Organisation habe Managementebenen reduziert. 37 Prozent sagten, der Mangel an Führung habe sie orientierungslos zurückgelassen; 43 Prozent nahmen ihre Führungsspitze als nicht ausreichend abgestimmt wahr. Die Befragung belegt keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Sie widerspricht aber der Annahme, weniger Management führe automatisch zu mehr Klarheit.
Führung verschwindet nicht, wenn eine Führungskraft geht. Sie verteilt sich neu – geplant oder ungeplant.
Was der Fall Bayer zeigt
Bayer ist eines der sichtbarsten deutschen Beispiele für einen umfassenden Umbau. Das Unternehmen führte mit „Dynamic Shared Ownership“ ein neues Betriebsmodell ein, halbierte nach eigener Darstellung die Zahl der Hierarchieebenen und reduzierte die Managementpositionen bis März 2026 um rund zwei Drittel.
Wer daraus nur die Botschaft „Bayer schafft Manager ab“ ableitet, übersieht den entscheidenden Punkt. Bayer verbindet den Abbau mit selbstorganisierten Kunden- und Produktteams, kürzeren Arbeitszyklen, veränderten Entscheidungsrechten und einem neuen Verständnis von Führung. Das Unternehmen spricht nicht mehr von „span of control“, sondern von „span of coaching“.
Ob das Modell langfristig erfolgreicher ist, lässt sich aus den Unternehmensangaben allein nicht abschließend beurteilen. Als Organisationsfall zeigt Bayer dennoch etwas Wichtiges: Tragfähiges Delayering ist kein Stellenabbau mit anschließendem Weiter-so. Es ist der Umbau eines Betriebssystems.
Wer Managementpositionen streicht, aber Ziele, Budgets, Eskalationswege, Informationszugänge und Freigaben unverändert lässt, schafft keine Selbstorganisation. Er vergrößert lediglich die Entfernung zwischen Verantwortung und Entscheidung.
Was KI übernehmen kann – und was nicht
KI kann einen realen Teil klassischer Managementarbeit reduzieren. Sie kann Informationen verdichten, Projektstände zusammenführen, Abweichungen sichtbar machen, Termine koordinieren, Gesprächsgrundlagen vorbereiten und wiederkehrende Berichte erzeugen. Wo Führung bisher vor allem aus Informationsweitergabe bestand, verändert das die Rolle grundlegend.
KI kann jedoch nicht aus eigener organisationaler Legitimation entscheiden, welcher Zielkonflikt Vorrang erhält. Sie trägt keine Verantwortung dafür, wenn ein ambitioniertes Ziel mit der verfügbaren Kapazität kollidiert. Sie führt kein schwieriges Gespräch, in dem Vertrauen, Macht, Geschichte und persönliche Folgen gleichzeitig anwesend sind. Und sie entscheidet nicht, welche Belastung einem Team zugemutet werden kann, ohne dass die Zusammenarbeit dauerhaft beschädigt wird.
Das bedeutet nicht, dass diese Aufgaben für immer an klassische mittlere Führungskräfte gebunden bleiben. Sie können in Teams, Rollen, Gremien oder temporäre Verantwortungsstrukturen wandern. Aber sie brauchen weiterhin drei Dinge:
- ein sichtbares Mandat,
- ausreichende Informationen und Entscheidungsspielräume,
- eine Person oder ein Gremium, das die Folgen verantwortet.
KI kann Koordination erleichtern. Sie löst nicht die Frage, wer in einer Organisation wofür legitimiert ist.
Welche Fragen vor dem Umbau geklärt werden müssen
Die sinnvolle Frage lautet deshalb nicht: Brauchen wir das mittlere Management noch? Sie lautet: Welche Funktionen brauchen wir – und welche Organisationsform erfüllt sie am wirksamsten?
- Welche Tätigkeiten dieser Ebene können wirklich entfallen oder automatisiert werden?
- Welche Übersetzungs-, Priorisierungs- und Schutzfunktionen bleiben bestehen?
- Wer entscheidet künftig bei Ziel- und Ressourcenkonflikten?
- Wandern mit den Aufgaben auch Zeit, Informationen und formale Entscheidungsrechte?
- Wie werden Feedback, Entwicklung und Mentoring organisiert?
- Wie gelangen schlechte Nachrichten und operative Grenzen weiterhin nach oben?
- Woran erkennen wir nach sechs und zwölf Monaten, ob die Struktur klarer oder nur stiller geworden ist?
Diese Fragen schützen nicht das mittlere Management als Institution. Sie schützen die Organisation vor einer zu einfachen Gleichung: weniger Ebenen gleich weniger Komplexität.
Komplexität lässt sich nicht aus einem Organigramm löschen. Sie kann nur anders bearbeitet werden. Eine flache Organisation ist deshalb nicht automatisch moderner als eine hierarchische. Sie ist dann besser, wenn Verantwortung, Information und Entscheidung näher zusammenrücken.
Flache Hierarchien funktionieren nicht, weil weniger geführt wird. Sie funktionieren nur, wenn Führung bewusst neu verteilt wird.
Quellen und Einordnung
Die Zahlen und Fälle in diesem Artikel erfüllen unterschiedliche Funktionen: Die deutsche Studie beschreibt Wahrnehmungen mittlerer Führungskräfte, Gartner formuliert eine Prognose, Korn Ferry berichtet Befragungsergebnisse, Gjerde und Alvesson untersuchen einen begrenzten professionellen Kontext und Bayer beschreibt den eigenen Organisationsumbau. Keine dieser Quellen beweist allein, dass Delayering grundsätzlich funktioniert oder scheitert.
- Fifka/Störmer: Das mittlere Management – Führung in Zeiten massiver Umbrüche (2023)
- Gartner: Top Predictions for 2025 and Beyond (2024)
- Korn Ferry: Workforce 2025 – Power Shifts
- Gjerde/Alvesson: Sandwiched – Exploring role and identity of middle managers
- Bayer: Aus den Ausführungen des Vorstands 2026
Mittleres Management und flache Hierarchien
Kann KI das mittlere Management ersetzen?
KI kann Reporting, Informationsaufbereitung, Terminierung und Teile der Koordination automatisieren. Sie ersetzt damit Tätigkeiten, aber nicht automatisch die gesamte Führungsfunktion. Zielkonflikte, Verantwortung, Legitimation, Personalentwicklung und schwierige Gespräche müssen weiterhin organisatorisch zugeordnet werden.
Sind flache Hierarchien grundsätzlich besser?
Nein. Flache Hierarchien können Entscheidungen beschleunigen und Autonomie erhöhen. Ohne klare Entscheidungsrechte, Eskalationswege und Prioritäten können sie aber informelle Macht, Orientierungslosigkeit und Überlastung verstärken.
Warum wird das mittlere Management als Lehmschicht bezeichnet?
Der polemische Begriff unterstellt, dass Informationen und Veränderungsimpulse in der mittleren Ebene stecken bleiben. Er kann reale Bürokratie benennen, verengt die Betrachtung aber, wenn strukturelle Widersprüche oder ungeklärte Vorgaben pauschal den Führungskräften der Mitte zugerechnet werden.
Verschwindet mit flachen Hierarchien die Sandwich-Position?
Nicht zwingend. Die Spannung zwischen Unternehmenszielen, verfügbaren Ressourcen und Bedürfnissen der Mitarbeitenden bleibt bestehen. Sie kann sich auf größere Führungsspannen, Projektrollen oder informelle Koordinatorinnen und Koordinatoren verlagern.
Was sollten Unternehmen vor einem Delayering prüfen?
Sie sollten Tätigkeiten und Funktionen getrennt betrachten: Was entfällt wirklich, was bleibt und wer übernimmt es? Mit den Aufgaben müssen auch Zeit, Informationen, Entscheidungsspielräume und Verantwortung neu verteilt werden.
Beiträge und Angebote, die hier anschließen
Sandwich-Position im mittleren Management
Warum die Spannung zwischen Geschäftsführung und Team strukturell entsteht. Beitrag lesen Rolle und VerantwortungAufgaben einer Führungskraft
Was wirklich zur Führungsrolle gehört – und was nur dort landet. Beitrag lesen Führung und BindungInnere Kündigung
Was verlorene Wirksamkeit und fehlende Orientierung in Organisationen auslösen. Beitrag lesenVerantwortung neu verteilen, bevor Stellen verschwinden
Wenn sich Führungsspannen, Entscheidungswege oder Rollen verändern, lohnt es sich, nicht nur auf das neue Organigramm zu schauen. Im Erstgespräch klären wir, wo Verantwortung tatsächlich liegt, welches Mandat vorhanden ist und was nicht länger informell ausgeglichen werden sollte.
Kostenlos. Vertraulich. Ohne Verpflichtung.
Dieser Text gehört zur Themenwelt Führung im System, in der weitere Beiträge zu Rollen, Verantwortung und organisationalen Spannungen zusammenlaufen.
